Volume 1
J. Henle's Grundriss der Anatomie des Menschen / neu bearbeitet von Fr. Merkel.
- Friedrich Gustav Jakob Henle
- Date:
- 1901
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Credit: J. Henle's Grundriss der Anatomie des Menschen / neu bearbeitet von Fr. Merkel. Source: Wellcome Collection.
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![70 Auch beim Erwachsenen ist leicht zu erkennen, dass die gleichartig entstandenen Gliedmassen ihren gleichartigen Bau durch die ganze Zeit der Entwickelung im Ganzen beibehalten haben. Die im Einzelnen auftretenden Verschiedenheiten werden ausser der erwähnten Drehung in umgekehrtem Sinne auch noch durch die Verschiedenheit in der Function bedingt, welche ganz besonders beim Menschen eine stark ausgeprägte ist. Bei ihm ist das Bein ein reines Stützorgan, während der Arm ein Greiforgan geworden ist. Dies prägt sich in erster Linie in der Ausbildung der beiden Gürtel aus. 33, I. Der Schultergürtel besteht aus zwei Knochen, dem Schulterblatt, Sca¬ pula, und dem Schlüsselbein, Clavicula. Er ist an den Kumpf nur mit dem medialen Ende des Schlüsselbeines angeheftet, sonst ist er frei und durch zahlreiche an ihn angeheftete Muskeln ungemein beweglich; der Beckengürtel besteht zwar in der Jugend aus drei durch Synchondrosen 55, I. verbundenen Stücken, dem Darmbein, Os ilium, dem Sitzbein, Os ischii, und dem Schambein, Os pubis, doch verwachsen dieselben in ausgebildetem Zustand knöchern mit einander und stellen so einen einzigen 33, I. Knochen, das Hüftbein, Os coxae, dar, welches mit dem Kumpf in starrer und unbeweglicher Verbindung steht. (Vergl. oben Fig. 11, 12.) An der freien Extremität entsprechen sich Oberarm, Humerus und Ober¬ schenkel, Femur, ersterer graziler gebaut, letzterer stämmiger und stärker. Die nächste Abtheilung, Unterarm, Antebrachium undUnter- schenkel, Crus, besteht aus je zwei Knochen, einerseits Speiche, Ra¬ dius und Elle, Ulna, andererseits Schienbein, Tibia und Wadenbein, Fibul a. Bei ihnen tritt die Verschiedenheit in der physiologischen Be¬ stimmung beider Extremitäten besonders augenfällig zu Tage. Am Unter¬ schenkel sind die beiden Knochen durch Bänder fest und unbeweglich mit einander verbunden. Das Schienbein ist überwiegend ausgebildet, auf ihm ruht, wie auf einer Säule, die Last des Körpers, während das Wadenbein nur ein weniger wichtiges Anhängsel jenes Knochens darstellt, welches gar nicht mehr zur Articulation mit dem Oberschenkel kommt. Am Unterarm dagegen sind beide Knochen ungefähr gleichwerthig entwickelt und sind be¬ weglich mit einander verbunden. Der Radius kann mit der an ihm hängenden Hand in der Art um die Ulna bewegt werden, dass er aus der mit der Ulna 34, 1A, C. parallelen Lage (Supination) in eine diesen Knochen überkreuzende (Pro¬ nation) übergeht. Die letztere Stellung scheint auf den ersten Blick die complicirtere zu sein, doch ist sie in Wirklichkeit die natürliche und un¬ gezwungene ; sie entsteht schon in früher Embryonalzeit dadurch, dass Hände und Vorderarme auf der in dieser Zeit halbkugelig vorgetriebenen Leber ruhen (Kölliker, Holl) [Fig. 19]. Eine solche Haltung ist aber nur in Pronationsstellung möglich, da bei parallel gelagerten Unterarmknochen die Hände nicht mit ihren volaren Flächen platt auf dem Leib aufliegen könnten, sondern denselben nur mit der Kleinfingerseite berühren würden, während die Hohlhand kopfwärts, der Handrücken schwanzwärts gerichtet sein müsste. Bei der Betrachtung der Weichtheile der Extremitäten wird noch öfters auf diese Dinge zurückzukommen sein. 34, IB. Zu den Knochen des Unterschenkels kommt noch die Kniescheibe, Patella, hinzu, welche jedoch, streng genommen, kein Theil des Bein¬ skelettes ist, sondern ein Sesambein darstellt. Diese aber gehören nach An-](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b31363350_0001_0094.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


