Über die Raumwahrnehmungen des Tastsinnes : ein Beitrag zur experimentellen Psychologie / von Victor Henri.
- Victor Henri
- Date:
- 1898
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Credit: Über die Raumwahrnehmungen des Tastsinnes : ein Beitrag zur experimentellen Psychologie / von Victor Henri. Source: Wellcome Collection.
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![mit dem Finger die Tischkante zuerst von rechts nacli links und dann von links nach rechts durchUlntt. Fiese Umkehrharkeit der Reihen- folge im räumlichen Yorstellen wird von Heiujart als der wichtigste Fnterschied zwischen dem räumlichen und dem zeitlichen Vorstellen hervorgehohen. ]\Ian sieht also, dass die Theorie von Herbart im engen Zii- samnienhange mit seiner Rei)roduktionstheorie steht; diese Repro- duktionstheorie kann aber hei dem jetzigen Zustande der experimen- tellen Psychologie nicht mehr verteidigt werden. Aber auch abgesehen davon kann die Theorie der Bildung der räumlichen Vorstellung, welche von Herbart vertreten wird, nicht angenommen werden, denn man kann genau dieselben Bedingungen der Reihenfolgen auch hei Tönen hersteilen, ohne dabei eine räumliche Vorstellung zu erhalten. Dieser Einwand wurde schon von Lotze gemacht. Volkmaxx hat aber trotzdem eine wenig von der HERBART’schen aloweichende Theorie entwickelt’) und behauptet dabei, dass für die Tone ebenso wie für Tast- und Gesichtseinpfindnngen eine räumliche Auffassung entsteht, wenn nur diese Töne in den erforderlichen Reihenfolgen gegeben werden. Ich halte es nicht für nötig, näher auf diese Theorie einzugehen. Die Theorie von Herijart wollte ich hauptsächlich des- halb wiedergehen, weil sie einen grossen Einfluss auf die s^^ätere Entwickelung der Psychologie ausgeüht hat. Die Theorie von Lipps^j, welche auch zu dieser Gruppe gerechnet werden muss, werde ich ebenfalls nicht ausführlich besprechen. Sie ist nämlich ebenso konstruktiv, wie die von Herbart, und stützt sich wenigstens im Gebiete des Tastsinnes nicht auf Beobachtungen. Die Grundlage der Theorie von Lipps ist seine Lehre von der Ver- schmelzung. »Völlig gleiche und völlig gleichzeitige seelische Er- regungen verschmelzen zu einem Bewusstseinserfolg«; wenn diese Er- regungen nicht völlig gleich sind, sondern nur teilweise gleich, also ähnlich, so besteht eine Verschmelzungstendenz, welche umso stärker ist, je idmlicher die Erregungen sind. Andererseits hat aber jede Vor- stellung ein ursprüngliches Bestreben, »sich in ihrer qualitativen Eigen- 1) VoLKMAXN, LelirLuch der Tsycliologie. 4. Auft. Bd. II. S. 1 —160. 2) Lii’i'S, (-irundtliatsachcn des Seelenlebens. 1883. S. 472—587. — Bsyclio- lügisclie Studien. 1885.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28135520_0198.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


