Über die Raumwahrnehmungen des Tastsinnes : ein Beitrag zur experimentellen Psychologie / von Victor Henri.
- Victor Henri
- Date:
- 1898
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Credit: Über die Raumwahrnehmungen des Tastsinnes : ein Beitrag zur experimentellen Psychologie / von Victor Henri. Source: Wellcome Collection.
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![Wir sehen also,, dass die Theorien dieser zweiten Gruppe nicht aiisreichen; denn sie stehen im Widerspruch zu den Beobachtungen. C. Die Tastempfindung hat im primitiven Bewusstsein kein ]\[oment der Bäumlichkeit; diese entsteht allmählich im Laufe der Entwickelung, sie ist aber durchaus nicht eine Zusammenstellung oder »chemische Mischung« unräumlicher Elemente. Alle Autoren, welche über die Frage nach dem Ursprünge des räumlichen Momentes geschrieben haben, haben angenommen, dass nur zwei Möglichkeiten vorhanden sind: entweder kann man an einer Tastempfindung, welche das primitive Bewusstsein hat, ein Moment der Bäumlichkeit unterscheiden, dieses ist also angeboren, oder eine solche Tastempfindung hat kein Moment der Bäumlichkeit, und in diesem letzteren Falle entsteht diese Bäumlichkeit im Laufe der Ent- wickelung als Besultat einer Zusammenstellung oder eines Zusammen- wirkens unräumlicher Elemente. Man könnte aber, wie ich glaube, auch die Hypothese aufstellen, dass die Bäumlichkeit zwar im Laufe der Entwickelung entstehe, dass sie aber keineswegs eine Zusammen- stellung oder Besultierende unräumlicher Elemente, sondern ein selb- ständiges Moment der Tastempfindung sei. Wenn wir ein neugeborenes Kind betrachten, so erscheint es uns sehr unbeholfen, auf eine Beizung einer Hautstelle reagiert es ge- wöhnlich nicht, und nur wenn diese Beizung stärker wird, so macht es manchmal unzweckmässige Bewegungen oder fängt an zu schreien. Dass es den Beiz mit irgend einer Bewegung lokalisiert, indem es z. B. die gereizte Hautstelle bewegt, kommt nicht vor. Man besitzt also absolut keinen Grund, um zu l)ehaupten, dass die Empfindungen dieses primitiven Bewusstseins ein IMoment der Bäumlichkeit haben; und wenn dieses von mehreren Autoren behau])tet worden ist, so ist es eine reine Hypothese, die nicht auf Beobachtungen, Avie es eigent- lich der Fall sein müsste, sondern auf theoretischen Überlegungen beruht. Es steht also niclits der Annahme im AVege, dass die Tastem- pfindungen eines Keugel)orenen keine Bäumlichkeit liaben, und dass (hese Bäumlichkeit nur mit der Zeit allmählicli entsteht. Es giebt aber andererseits aucli keine Beobachtungen, Avelche dieser Hypothese](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b28135520_0212.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)


