Kurzes Lehrbuch der Physiologie des Menschen / von Dr. Johannes Gad ... und Dr. J.F. Heymans.
- Johannes Gad
- Date:
- 1892
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Credit: Kurzes Lehrbuch der Physiologie des Menschen / von Dr. Johannes Gad ... und Dr. J.F. Heymans. Source: Wellcome Collection.
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![Dass hei der Miiskelthätigkeit eine Substanz entsteht und sich zeitweise anhäuft, welche einerseits als Oxydationsprodukt von Kohle- hydrat oder Fett aufgefasst werden kann und welche andererseits bei ihrer Verbrennung Kohlensäure und Wasser liefert, ist kein Zweifel: der fortgesetzt tetanisirtc Muskel reagirt sehr deutlich sauer und er verdankt diese Reaction einer fixen Säure; diese Säure ist, wenigstens zum grössten Theil, Milchsäure. Dieselbe Säure bildet sich auch im Muskel bei den Processen, welche sein Absterben Ijegleiten und welche ebenfalls mit Contraction einhergehen. Die erholende Wirkung, welche man auf den ermüdeten und in Folge dessen nach jeder einzelnen Con- traction sich langsam und unvollkommen Avieder ausdehnenden Muskel durch einfaches Ausspritzen mit physiologischer Kochsalzlösung ausüben kann, beruht wahrscheinlich auf Entfernung angesammelter Milchsäure. Auch das Blut, welches man künstlich durch überle])end erhaltene Warm- blütermuskeln leitet, reichert sich bei fortgesetztem Tetanus mit Milch- säure an, während das venöse Blut aus Muskeln, die unter normalen Bedingungen im Körper arbeiten, mit vermehrter Arbeit nur Steigerung des Kohlensäuregehaltes zeigt. Alles dies weist darauf hin, dass Milch- säure bei der Muskelthätigkeit auftritt, dass sie unter normalerL Ver- hältnissen aber auch sofort weiter verbrannt wird. Wo letzteres nicht geschieht, zeigen sich dauernde Contractionszustände. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass auch die normale Contraction auf einer kurz vorüber- gehenden Anwesenheit von Milchsäure in der Muskelsubstanz beruht. Die Wiedererschlatfung der Muskelfasern nach ihrer Contraction würde bei dieser Auifassungsweise als die Folge chemischer Arbeit zu betrachten sein; in der That kann es nicht als überflüssig erscheinen, wenn für die Zurückfiihrung der Muskelsubstanz in ihren früheren Zu- stand Energie verausgabt wird. Freilich kann diese Energiemenge nicht direct zur Leistung äusserer Arbeit verwendet werden. Lässt man einen Muskel, welcher frei beweglich auf einem ()l)jektträger ruht, sich zu- sammenziehen und wieder erschlaffen, so sieht man unter dem Mikro- skop seine einzelnen Fasern ihren früheren Querschnitt, also auch ihre frühere Länge wieder einnehmen, der gesammte Muskel bleibt aber be- trächtlich verkürzt, die einzelnen Fasern in demselben verlaufen zick- zackförmig. Man sielit hieraus, dass die Muskelfaser durch ein Spiel innerer Kräfte zwar in die frühere Gleichgewichtsfigur, was Länge und Querschnitt anlangt, zurückgeführt wird, dass aber seitliche Verschie- bungen der Elemente gegen einander übrig bleiben, wenn sie nicht durch äussere Kräfte, etwa durch ein dehnendes Gewicht, beseitigt werden. Es ist die Biegsamkeit der Muskelfasern, welche verhindert, dass der chemische Process des Stadiums der sinkenden Energie der äusseren Arbeitsleistung dienen kann.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21221601_0039.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)