Enucleatio oder Exenteratio bulbi / von Alfred Graefe.
- Alfred Carl Graefe
- Date:
- [1884]
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Credit: Enucleatio oder Exenteratio bulbi / von Alfred Graefe. Source: Wellcome Collection.
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![[Vortrag gehalten in der deutschen Naturforscherversammlung zu Magdeburg, September 1884, von Alfred Graefe.] Noch bis vor etwa zwei Decennien war die Enucleatio bulbi eine relativ selten zur Ausführung gelangende Operation und die Häufigkeit derselben steigerte sich allmählich in demselben Maasse, in welchem die Ueberzeugung, dass die präventive Entfernung eines in einem gewissen Typus erkrankten resp. zu Grunde gegangenen Auges einzig und allein eine sichere Garantie gegen die Entwicklung sympathischer Ophthalmie bietet, bei den Ophthalmologen eine unabweisbare wurde. Seitdem es namentlich durch die übereinstimmenden Erfahrungen derselben festgestellt war, dass die Enucleation bei drohenden Prodromalerscheinungen oder bei bereits eingeleiteter sympathischer Ophthalmie nur einen sehr problematischen Nutzen gewährt und dass mithin eigentlich jedes Auge, welches die Bedingungen zur Entwickelung einer solchen in sich trägt, unbedingt noch vor der leisesten INIanifestation derselben zu beseitigen ist, mussten sich die Indicationen zu der in Rede stehenden Operation ungemein vermehren. Beispielsweise führe ich aus meinem eigenen Wirkungskreise an, dass der Procentsatz der Enucleationen mit Bezugnahme auf den Numerus der Kranken, bei Abschluss der wegen Tumorenbildung Operirten, in den Jahren 1860 und 1861 circa Vs %' den Jahren 1881 und 1882 circa 11/2 **/o betrug. Keinem beschäftigten Augenarzte bleiben die Collisionen erspart, zu welchen jene durch die Umstände gebotene rigorose Forderung der Therapie gelegentlich führen muss. Gar nicht der, glücklicherweise relativ doch nur seltenen Eventualitäten zu gedenken, dass wir Augen, welche in functioneller Beziehung noch nicht hoffnungslos sind, diesem Principe zu opfern aufgefordert sein können, möchte ich nur hervorheben, dass die Durchführung desselben unvermeidlich manche Enucleation veranlassen muss, deren Unterlassung die gefürchteten verhängnisvollen Folgen vielleicht nicht gehabt haben würde. Wie häufig machen wir auf dem Gebiete der Pathologie die Erfahrung, dass alle Bedingungen zur Entwickelung eines bestimmten Krankheitszustandes scheinbar gegeben sind, während letzterer doch nicht zu Stande kommt, wie gar nicht selten sehen wir doch Individuen unbehelligt ein spätes Alter erreichen, bei denen wir eines zu sympathischer Ophthalmie ganz ent- schieden disponirenden Augenleidens wegen nach unseren Grundsätzen zur Zeit unbedingt die Enucleation in Vorschlag gebracht haben würden. Die Schwierigkeit unserer Situation solchen Erörterungen gegenüber wird nun dadurch noch überaus gesteigert, dass wir uns der beruhigenden Ueberzeugung, mit der Enucleation wenigstens eine durchaus gefahrlose Operation auszuführen, leider nicht hingeben dürfen. Während man bei den Discussionen über die Bedeutung derselben immer nur die Schrecken der Verstümmelung und die zuweilen doch mit allerlei Belästigung verknüpfte Nothwendigkeit, zu deren Deckung ein künstliches Auge zu tragen, in den Vordergrund zu stellen pflegt, wird die Möglichkeit eines exitus letalis nach jener Operation zwar überall erwähnt, wegen der relativ grossen Seltenheit eines solchen indess mehr in einer Weise, als ob derselbe zu jenen ganz exceptionellcn chirurgischen Unglücksfällen gehörte, für welche die Methode der Operation an sich gar nicht verantwortlich zu machen sei, und welche bei jedem operativen Eingriff, auch dem sonst gefahrlosesten, ab und zu einmal vorzukommen pflegen. So weit es sich nun bei dem Entschluss zur Enucleation nur um die durch dieselbe herbeigeführte Verstümmelung handelt, dürfen und müssen wir getrost alle hierauf bezüglichen, oben näher motivirten Bedenken mit dem Gewichte solcher, gar nicht so seltener, zur Untergrabung ärztlicher Gewissensruhe wohl geeigneter Vorkommnisse zurückweisen, bei welchen eine aus Schonung, in einer gewissen optimistischen Anwandlung unterlassene rechtzeitige Enucleation später unheilbare Erblindung ver- schuldete. Wir haben an dieser Stelle der Bemühungen zu gedenken, die Enucleation durch ein operatives Verfahren zu ersetzen, welches einerseits deren machtvollen prophylaktischen Schutz mit derselben Sicherheit wie diese zu gewähren, anderseits durch Erhaltung des sonst zu sympathischer Erkrankung disponierenden Auges die Verstümmelung zu umgehen verspricht, ich meine die Neurotomia opticociliaris. Es liegt nicht in meiner Absicht, den Werth beider Methoden hier eingehender mit einander zu vergleichen. Wenn auch keines- wegs in Abrede zu stellen ist, dass die Erfolge, namentlich die Immediateffecte jener, auch von mir mindestens ein Jahr lang vielfach ausgeführten Operation sehr befriedigende sein können, so habe ich in einer Reihe von Erkrankungställen doch sehen müssen, dass ein derselben unterworfener Bulbus allgemach wieder in jenen besorgnisserregenden oder belästigenden Zustand zurückkehren kann, welchem durch die Operation in radicaler Weise ein Ende gemacht werden sollte. Dürfte die Neurotomie schon aui- diesem einen Grunde nicht berufen sein, mit der Enucleation zu concurriren oder gar diese entbehrlich zu machen, so ist sie überdies sicherlich nicht geeignet, jene Bedenken zur Ruhe zu bringen, welche sich viel weniger auf die Nachtheile der Ver- Enucleatio oder Exenteratio bulbi.](https://iiif.wellcomecollection.org/image/b21647458_0003.jp2/full/800%2C/0/default.jpg)